Religion: Unterschied zwischen den Versionen
K Textersetzung - „[[J. R. R. Tolkien Briefe“ durch „[[J. R. R. Tolkien: Briefe“ |
Artikel neu gefasst |
||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
'''Religion''' bezeichnet den Glauben an eine übernatürliche, göttliche Macht. Meistens ist dieser Glaube mit einer gemeinschaftlich praktizierten, freiwilligen Unterordnung unter diese Macht verbunden. | |||
== | ==Tolkiens Religion== | ||
[[J. R. R. Tolkien]] war gläubiger Katholik und bekannte sich zum [[wikipedia:de:Nicäno-Konstantinopolitanum|Nicäno-Konstantinopolitanum]] genannten Großen Glaubensbekenntnis. Dieses 451 n. Chr. formulierte Bekenntnis legte fest, dass es nur einen Gott gibt, der in drei Personen wirkt: | |||
* Gott Vater ist der Schöpfer der Welt. Er hat alles geschaffen, was existiert, das Sichtbare und das Unsichtbare. | |||
* Gott Sohn, Jesus Christus, ist eines Wesens mit dem Vater, vor Anbeginn der Zeit gezeugt, nicht geschaffen. Er ist Mensch geworden und wurde von der [[Jungfrau Maria]] geboren. Daher ist er sowohl ganz Mensch und ganz Gott. Durch seinen Tod am Kreuz hat er die Sünden der Menschen getilgt und ihnen damit das ewige Leben erworben. Er ist von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren, von wo er am Ende der Zeit wiederkommen wird. | |||
* Der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Durch ihn wirkt Gott in der Welt. Er schafft Leben und spricht durch Propheten. | |||
Zur Zeit seines Wirkens auf Erden hat Christus Apostel berufen, die 40 Tage nach der Auferstehung ([[wikipedia:de:Pfingsten|Pfingsten]]) vom Heiligen Geist erfüllt wurden. Aus einer Strömung innerhalb des Judentums wurde so eine alle Völker umspannende Gemeinschaft, die katholische Kirche. Diese wird traditionell vom Bischof von Rom ([[wikipedia:de:Papst|Papst]]) geleitet, dem Nachfolger des Apostels Petrus. Oberhaupt der Kirche ist jedoch Jesus Christus, der Papst ist nur sein Stellvertreter auf Erden. In der Kirche ist Gott wesenhaft anwesend, da in einer jeden Eucharistiefeier Brot und Wein zu Leib und Blut Christi werden ([[wikipedia:de:Transsubstantiation|Transsubstantiation]]). | |||
Eine Besonderheit des Katholizismus ist die Verehrung von Heiligen, d. h. von Engeln und Seelen Verstorbener, die Gott schauen. Diese Verehrung ist nicht mit einer Anbetung zu verwechseln, die Gott allein zukommt, vielmehr werden die Heiligen um Fürsprache bei Gott gebeten. | |||
Besondere Verehrung hegte Tolkien für die Jungfrau Maria und übersetzte einige Mariengebete in die [[Hochelben]]sprache [[Quenya]] ([[Aia María]], [[Ortírielyanna]] und die [[Lauretanische Litanei]]). Auch das Vaterunser liegt in einer Übersetzung in Quenya ([[Átaremma]]) und [[Sindarin]] ([[Ae Adar Nín]]) vor. | |||
Bei seiner Arbeit am [[Legendarium]] versuchte Tolkien, seine Mythologie mit der Lehre der Kirche in Einklang zu bringen. Seinen Roman ''[[Der Herr der Ringe]]'' bezeichnete er als ein „zutiefst religiöses und katholisches Werk“.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]; [[Humphrey Carpenter]] (Hrsg.): ''[[J. R. R. Tolkien: Briefe]]''. [[Brief 142]]: ''An [[Robert Murray]]'', 1953.</ref> | |||
[[ | ==Religion im Legendarium== | ||
Die religiösen Überlieferungen der [[Eldar]], wie die [[Ainulindale]] und die [[Valaquenta]], entsprechen in Grundzügen der katholischen Theologie, nutzen aber naturgemäß eigene Begriffe und Traditionen. Gott wird im Legendarium ''der Eine'' (Quenya [[Eru]]) genannt, von den [[Elben]] vor allem ''Ilúvatar'' („Allvater“). Er wohnt mit den meisten [[Ainur]] in den [[Zeitlose Hallen|Zeitlosen Hallen]] (dem „Himmel“ des Christentums) außerhalb von [[Ea]], der Welt von Raum und Zeit.<ref name="AL">[[J. R. R. Tolkien]], [[Christopher Tolkien]] (ed.): ''[[Das Silmarillion]]''. [[Ainulindale]]: ''Die Musik der Ainur''.</ref> Das Wirken des Heiligen Geistes wird mit dem Ausdruck ''[[Geheimes Feuer]]'' umschrieben.<ref>Clyde S. Kilby: ''Tolkien & the Silmarillion'', Kapitel ''Tolkien as Christian Writer''</ref> | |||
===Anbetung Erus=== | |||
Diejenigen Ainur, die auf [[Arda]] herabstiegen, werden [[Valar]] und [[Maiar]] genannt. Da auch sie von Eru geschaffen sind, beten sie ihn an. Zu Beginn jeder Ernte wurde auf dem [[Taniquetil]] ein [[großes Fest]] abgehalten, auf dem Eru gedankt wurde.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Das Silmarillion]].'' Herausgegeben von [[Christopher Tolkien]]. Übersetzt von Wolfgang Krege. Klett-Cotta, Stuttgart 1978. (Im Original erschienen 1977 unter dem Titel ''The Silmarillion''.) „Quenta Silmarillion“, VIII ''Von der Verdunkelung Valinors''.</ref> | |||
Bekannt ist auch die Anbetung Erus unter den [[Númenórer]]n im [[Zweites Zeitalter|Zweiten Zeitalter]]. In [[Númenor]] wurde an den drei hohen Festtagen [[Erukyerme]], [[Erulaitale]] und [[Eruhantale]] am [[Heiligtum Erus]] zu [[Ilúvatar]] gebetet. Dabei ging der König als Anführer einer Prozession weiß gekleideter und blumenbekränzter Númenórer hinauf auf den heiligen Berg [[Meneltarma]], dem Himmelspfeiler, der Eru Ilúvatar geweiht war. Lediglich dem König war das Sprechen dort gestattet, der als Priester das Gebet zelebriert. Obgleich ein heiliger Ort, bauten die Númenórer weder dort noch sonst eigene Gotteshäuser.<ref name="NME II I">[[J. R. R. Tolkien]]: [[Nachrichten aus Mittelerde]]. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Übersetzt von Hans J. Schütz. Klett-Cotta, Stuttgart 1983. (Im Original erschienen 1980 unter dem Titel ''Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth''.) Teil 2: ''Das Zweite Zeitalter''. I ''Eine Beschreibung der Insel Númenor''</ref> | |||
===Verehrung der Ainur=== | |||
In [[Mittelerde]] scheint vor allem die Verehrung der Ainur, vornehmlich der Valar, im Vergleich zur direkten Anbetung Erus, die hauptsächliche religiöse Praxis gewesen zu sein. Die Eldar, die unter den [[Sterne]]n erwacht waren (siehe [[Cuivienyarna]]), verehrten vor allem die Sternenkönigin Elbereth Gilthoniel ([[Varda]]), für die sie Hymnen sangen. Wegen ihrer großen Verbundenheit zu ihr riefen die Elben sie in Not und Hilflosigkeit an.<ref name="VQ">[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Das Silmarillion]]''. Herausgegeben von [[Christopher Tolkien]]. ''Valaquenta''</ref> | |||
Auch die Númenórer ehrten die Valar und gleichrangig mit ihnen [[Osse]] und [[Uinen]].<ref name="VQ"/> Im [[Drittes Zeitalter|Dritten Zeitalter]] gedachten die Nachfahren der Númenórer, die Dúnedain, dem entrückten [[Aman]] im [[Stilles Gedenken|Stillen Gedenken]] vor dem Essen.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Der Herr der Ringe]]'', Viertes Buch, Fünftes Kapitel: ''Das Fenster nach Westen''</ref> | |||
[[Zwerge]] schienen vor allem den Vala [[Aule]] zu verehren, da dieser ihr Schöpfer war, sein Name auf [[Khuzdul]] lautete ''Mahal'', was eventuell soviel wie ‚Meister‘ bedeutet.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Das Silmarillion]]''. Herausgegeben von [[Christopher Tolkien]]. ''[[Quenta Silmarillion]]'', II ''Von Aule und Yavanna''.</ref> | |||
Die [[Rohirrim]] verehrten vor allem den Vala [[Orome]], den sie ''Béma'' (‚Hornbläser‘) nannten.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Der Herr der Ringe]]''. Anhang A: ''Annnalen der Könige und Herrscher'', II. ''Das Haus von Eorl''.</ref> | |||
===Ahnenverehrung=== | |||
Vergleichsweise wenig ist von der Verehrung der Ahnen überliefert. Bekannte Grabstätten sind unter anderem das Grab [[Elendil der Lange|Elendils]] auf dem [[Halifirien]], die [[Weihestätten]] in [[Minas Tirith (Gondor)|Minas Tirith]] sowie das [[Gräberfeld]] in [[Rohan]]. | |||
===Anbetung Melkors=== | |||
Bereits vor Anbeginn der Zeit widersetzten sich einige Ainur dem Willen Erus, darunter der mächtigste Ainu [[Melkor]], [[Sauron]] und die später [[Balrogs]] genannten Dämonen.<ref name="VQ"/> Vor allem Melkor strebte danach, von den [[Eruhíni|Kindern Ilúvatars]] als Gott verehrt zu werden. | |||
= | Im [[Erstes Zeitalter|Ersten Zeitalter]] berichtete [[Adanel]] von einer Sage der [[Edain]], laut der nach der Geburt der [[Menschen]] in [[Hildorien]] eine Stimme zu ihnen sprach und sie ermutigte, die Welt zu erforschen. Später erschien ihnen ein schöner und mächtiger Mann, der behauptete, der Meister des [[Dunkel]]s zu sein und [[Sonne]], [[Mond]] und [[Sterne]] erschaffen zu haben. Er wurde anfangs zu ihrem Lehrer, später aber verlangte er von ihnen, sich vor ihm zu beugen und ihm einen Tempel zu bauen, in dem er Opfer verlangte, während er forderte, dass sie der Stimme abschworen. Der Sage nach sollen sich alle Menschen damals vor ihm gebeugt haben, später aber gelang einigen die Flucht.<ref name="AFA">[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Morgoth’s Ring]]''. (The History of Middle-earth, Band X.) Herausgegeben von [[Christopher Tolkien]]. Part Four: ''Athrabeth Finrod ah Andreth''</ref> Nach der [[Nirnaeth Arnoediad]] versuchte Melkor, von den Eldar und den [[Elbenfreunde]]n ''Morgoth'' („Schwarzer Feind“) genannt, seinen Gefangenen [[Húrin Thalion|Húrin]] zu überzeugen, er, Melkor, sei Schöpfer und rechtmäßiger Herrscher der Welt. Húrin jedoch weigerte sich, Melkor anzubeten, und blieb den Valar treu, weshalb er später ''Thalion'' („der Standhafte“) genannt wurde.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Nachrichten aus Mittelerde]]''. Herausgegeben von [[Christopher Tolkien]]. Übersetzt von Hans J. Schütz. Klett-Cotta, Stuttgart 1983. (Im Original erschienen 1980 unter dem Titel ''Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth''.) ''Narn i Hîn Húrin. Der Wortstreit zwischen Húrin und Morgoth''</ref> Möglicherweise glaubten dies auch die [[Orks]], die die Feinde Melkors und später Saurons als „Rebellen“ bezeichneten.<ref>J. R. R. Tolkien: ''[[Der Herr der Ringe]]''. Viertes Buch, Zehntes Kapitel: ''Die Entscheidungen von Meister Samweis''</ref> | ||
Anders als Húrin ließ sich die Mehrheit der Númenórer von Sauron verführen, nachdem dieser, ursprünglich als Gefangener, nach Númenor gekommen war (siehe ''[[Sauronianer]]''). Damals, zur Zeit König [[Ar-Pharazôn]]s, waren die Númenorer von der Angst vor dem [[Tod]] beherrscht und verlangten nach Unsterblichkeit. Sauron lehrte, die Valar hätten Eru erfunden, um sich die Menschen unterwerfen zu können, und Melkor sei in Wahrheit der ''Herr und Befreier des Alls'', das er aus dem Dunkel erschaffen habe, und aus dem er für seine Anhängern noch weitere Welten erschaffen könne. Die Númenorer begannen, Melkor anzubeten und errichteten ihm einen [[Tempel Melkors|Tempel]] und opferten ihm dort Menschen, im Irrglauben, so vom Tod erlöst zu werden. Schließlich überredete Sauron den König, das Verbot der Valar zu brechen, nach [[Aman]] zu fahren und [[Valinor]] einzunehmen, um so unsterblich zu werden. Als Ar-Pharazôn jedoch 3319 Z. Z. nach Valinor kam, vollzog Eru auf Bitten [[Manwe]]s die [[Wandlung der Welt]] und Númenor versank im Meer.<ref name="Akallabêth">[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Das Silmarillion]]''. Herausgegeben von [[Christopher Tolkien]]. ''[[Akallabêth (Schriftstück)|Akallabêth]]''.</ref> | |||
Unter dem Einfluss Saurons ließen Könige in Mittelerde sich selbst und Teile ihrer Familie verbrennen, um den Zeitpunkt ihres Todes selbst zu bestimmen.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Der Herr der Ringe]]''. Fünftes Buch, Siebtes Kapitel: ''Denethors Scheiterhaufen''.</ref> | |||
=== | ===Weitere Religionen=== | ||
* Die Valar werden von den Menschen irrtümlicherweise oft ''Götter'' genannt und wohl auch angebetet, obwohl sie nicht in das Schicksal der Menschen eingreifen.<ref name="VQ"/> | |||
* Möglicherweise wurden in [[Nan Dungortheb]] [[Spinnen]] oder andere, [[namenlose Wesen]], als Götter angebetet.<ref>J. R. R. Tolkien: ''[[The Lays of Beleriand]].'' (The History of Middle-earth, Band III.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. George Allen & Unwin, London 1985. I ''The Lay of the Children of Húrin''. III. ''Failivrin''</ref> | |||
* Im Ersten Zeitalter lebten in [[Rhûn]] viele Menschen, die sowohl den Valar als auch Melkor die Gefolgschaft verweigerten.<ref name="Akallabêth"/> | |||
* Im Zweiten Zeitalter wurden die Númenórer von den Menschen Mittelerdes als ''Götter'' bezeichnet.<ref name="Akallabêth"/> | |||
* Die [[Lossoth]], die in den eisigen Ebenen [[Forochel]]s lebten, fürchteten den [[Fürst der Nazgûl|Hexenkönig von Angmar]], weil sie glaubten, er hätte die Macht, das Wetter zu beherrschen; weiterhin misstrauten sie allem Fremden, größere Schiffe nannten sie „Seeungeheuer“.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[Der Herr der Ringe]]''. Anhang A (I), 3. ''Eriador, Arnor und Isildurs Erben''.</ref> | |||
* In Rhûn gab es wohl im [[Viertes Zeitalter|Vierten Zeitalter]] ein höheres Maß an kultischer Verehrung als im Westen, da die [[Ithryn Luin]] dort, wie auch im [[Harad|Süden]], wahrscheinlich geheime Kulte und magische Traditionen geschaffen hatten, die den Sturz Saurons überdauerten.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]; [[Humphrey Carpenter]] (Hrsg.): ''[[J. R. R. Tolkien: Briefe]]''. [[Brief 211]]: ''An [[Rhona Beare]]'', 1958.</ref> | |||
==Sonstiges== | |||
Bestimmte Elemente früher Fassungen des Legendariums erinnern an alttestamentarische Überlieferungen, wofür jedoch kein expliziter Zusammenhang hergestellt wird. Das Land [[Hildórien]], wo die Menschen erwachten, wurde von Tolkien an verschiedenen Stellen im äußersten [[Osten von Mittelerde]]<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[The Shaping of Middle-earth]]''. (The History of Middle-earth, Band IV.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. HarperCollins, London 1992. Map IV</ref> und in [[wikipedia:de:Mesopotamien|Mesopotamien]]<ref>J. R. R. Tolkien: ''[[Sauron Defeated]].'' (The History of Middle-earth, Band IX.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. HarperCollins, London 1992. Part Three: "The Drowning of Anadûnê"</ref> lokalisiert. Beide Regionen wurden in der mittelalterlichen Auslegung des Buchs Genesis mit dem [[wikipedia:de:Irdisches Paradies|irdischen Paradies]] in Verbindung gebracht. Im [[Leithian-Lied]] wird die [[Valacirca]] als ''Brennender Dornbusch'' (Original: ''Burning Briar'') bezeichnet.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]: ''[[The Lays of Beleriand]].'' (The History of Middle-earth, Band III.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. George Allen & Unwin, London 1985. ''The Lay of Leithian''. Canto IX</ref> Der Name erinnert an den im Buch Exodus erwähnten [[wikipedia:de:Brennender Dornbusch|brennenden Dornbusch]], aus dessen Mitte Gott zu Moses sprach. | |||
==Quellen== | |||
<references/> | |||
[[Kategorie:Christentum]] | |||
[[Kategorie:Kultur]] | |||
[[Kategorie: | |||
Version vom 3. August 2026, 15:44 Uhr
Religion bezeichnet den Glauben an eine übernatürliche, göttliche Macht. Meistens ist dieser Glaube mit einer gemeinschaftlich praktizierten, freiwilligen Unterordnung unter diese Macht verbunden.
Tolkiens Religion
J. R. R. Tolkien war gläubiger Katholik und bekannte sich zum Nicäno-Konstantinopolitanum genannten Großen Glaubensbekenntnis. Dieses 451 n. Chr. formulierte Bekenntnis legte fest, dass es nur einen Gott gibt, der in drei Personen wirkt:
- Gott Vater ist der Schöpfer der Welt. Er hat alles geschaffen, was existiert, das Sichtbare und das Unsichtbare.
- Gott Sohn, Jesus Christus, ist eines Wesens mit dem Vater, vor Anbeginn der Zeit gezeugt, nicht geschaffen. Er ist Mensch geworden und wurde von der Jungfrau Maria geboren. Daher ist er sowohl ganz Mensch und ganz Gott. Durch seinen Tod am Kreuz hat er die Sünden der Menschen getilgt und ihnen damit das ewige Leben erworben. Er ist von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren, von wo er am Ende der Zeit wiederkommen wird.
- Der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Durch ihn wirkt Gott in der Welt. Er schafft Leben und spricht durch Propheten.
Zur Zeit seines Wirkens auf Erden hat Christus Apostel berufen, die 40 Tage nach der Auferstehung (Pfingsten) vom Heiligen Geist erfüllt wurden. Aus einer Strömung innerhalb des Judentums wurde so eine alle Völker umspannende Gemeinschaft, die katholische Kirche. Diese wird traditionell vom Bischof von Rom (Papst) geleitet, dem Nachfolger des Apostels Petrus. Oberhaupt der Kirche ist jedoch Jesus Christus, der Papst ist nur sein Stellvertreter auf Erden. In der Kirche ist Gott wesenhaft anwesend, da in einer jeden Eucharistiefeier Brot und Wein zu Leib und Blut Christi werden (Transsubstantiation).
Eine Besonderheit des Katholizismus ist die Verehrung von Heiligen, d. h. von Engeln und Seelen Verstorbener, die Gott schauen. Diese Verehrung ist nicht mit einer Anbetung zu verwechseln, die Gott allein zukommt, vielmehr werden die Heiligen um Fürsprache bei Gott gebeten.
Besondere Verehrung hegte Tolkien für die Jungfrau Maria und übersetzte einige Mariengebete in die Hochelbensprache Quenya (Aia María, Ortírielyanna und die Lauretanische Litanei). Auch das Vaterunser liegt in einer Übersetzung in Quenya (Átaremma) und Sindarin (Ae Adar Nín) vor.
Bei seiner Arbeit am Legendarium versuchte Tolkien, seine Mythologie mit der Lehre der Kirche in Einklang zu bringen. Seinen Roman Der Herr der Ringe bezeichnete er als ein „zutiefst religiöses und katholisches Werk“.[1]
Religion im Legendarium
Die religiösen Überlieferungen der Eldar, wie die Ainulindale und die Valaquenta, entsprechen in Grundzügen der katholischen Theologie, nutzen aber naturgemäß eigene Begriffe und Traditionen. Gott wird im Legendarium der Eine (Quenya Eru) genannt, von den Elben vor allem Ilúvatar („Allvater“). Er wohnt mit den meisten Ainur in den Zeitlosen Hallen (dem „Himmel“ des Christentums) außerhalb von Ea, der Welt von Raum und Zeit.[2] Das Wirken des Heiligen Geistes wird mit dem Ausdruck Geheimes Feuer umschrieben.[3]
Anbetung Erus
Diejenigen Ainur, die auf Arda herabstiegen, werden Valar und Maiar genannt. Da auch sie von Eru geschaffen sind, beten sie ihn an. Zu Beginn jeder Ernte wurde auf dem Taniquetil ein großes Fest abgehalten, auf dem Eru gedankt wurde.[4]
Bekannt ist auch die Anbetung Erus unter den Númenórern im Zweiten Zeitalter. In Númenor wurde an den drei hohen Festtagen Erukyerme, Erulaitale und Eruhantale am Heiligtum Erus zu Ilúvatar gebetet. Dabei ging der König als Anführer einer Prozession weiß gekleideter und blumenbekränzter Númenórer hinauf auf den heiligen Berg Meneltarma, dem Himmelspfeiler, der Eru Ilúvatar geweiht war. Lediglich dem König war das Sprechen dort gestattet, der als Priester das Gebet zelebriert. Obgleich ein heiliger Ort, bauten die Númenórer weder dort noch sonst eigene Gotteshäuser.[5]
Verehrung der Ainur
In Mittelerde scheint vor allem die Verehrung der Ainur, vornehmlich der Valar, im Vergleich zur direkten Anbetung Erus, die hauptsächliche religiöse Praxis gewesen zu sein. Die Eldar, die unter den Sternen erwacht waren (siehe Cuivienyarna), verehrten vor allem die Sternenkönigin Elbereth Gilthoniel (Varda), für die sie Hymnen sangen. Wegen ihrer großen Verbundenheit zu ihr riefen die Elben sie in Not und Hilflosigkeit an.[6]
Auch die Númenórer ehrten die Valar und gleichrangig mit ihnen Osse und Uinen.[6] Im Dritten Zeitalter gedachten die Nachfahren der Númenórer, die Dúnedain, dem entrückten Aman im Stillen Gedenken vor dem Essen.[7]
Zwerge schienen vor allem den Vala Aule zu verehren, da dieser ihr Schöpfer war, sein Name auf Khuzdul lautete Mahal, was eventuell soviel wie ‚Meister‘ bedeutet.[8]
Die Rohirrim verehrten vor allem den Vala Orome, den sie Béma (‚Hornbläser‘) nannten.[9]
Ahnenverehrung
Vergleichsweise wenig ist von der Verehrung der Ahnen überliefert. Bekannte Grabstätten sind unter anderem das Grab Elendils auf dem Halifirien, die Weihestätten in Minas Tirith sowie das Gräberfeld in Rohan.
Anbetung Melkors
Bereits vor Anbeginn der Zeit widersetzten sich einige Ainur dem Willen Erus, darunter der mächtigste Ainu Melkor, Sauron und die später Balrogs genannten Dämonen.[6] Vor allem Melkor strebte danach, von den Kindern Ilúvatars als Gott verehrt zu werden.
Im Ersten Zeitalter berichtete Adanel von einer Sage der Edain, laut der nach der Geburt der Menschen in Hildorien eine Stimme zu ihnen sprach und sie ermutigte, die Welt zu erforschen. Später erschien ihnen ein schöner und mächtiger Mann, der behauptete, der Meister des Dunkels zu sein und Sonne, Mond und Sterne erschaffen zu haben. Er wurde anfangs zu ihrem Lehrer, später aber verlangte er von ihnen, sich vor ihm zu beugen und ihm einen Tempel zu bauen, in dem er Opfer verlangte, während er forderte, dass sie der Stimme abschworen. Der Sage nach sollen sich alle Menschen damals vor ihm gebeugt haben, später aber gelang einigen die Flucht.[10] Nach der Nirnaeth Arnoediad versuchte Melkor, von den Eldar und den Elbenfreunden Morgoth („Schwarzer Feind“) genannt, seinen Gefangenen Húrin zu überzeugen, er, Melkor, sei Schöpfer und rechtmäßiger Herrscher der Welt. Húrin jedoch weigerte sich, Melkor anzubeten, und blieb den Valar treu, weshalb er später Thalion („der Standhafte“) genannt wurde.[11] Möglicherweise glaubten dies auch die Orks, die die Feinde Melkors und später Saurons als „Rebellen“ bezeichneten.[12]
Anders als Húrin ließ sich die Mehrheit der Númenórer von Sauron verführen, nachdem dieser, ursprünglich als Gefangener, nach Númenor gekommen war (siehe Sauronianer). Damals, zur Zeit König Ar-Pharazôns, waren die Númenorer von der Angst vor dem Tod beherrscht und verlangten nach Unsterblichkeit. Sauron lehrte, die Valar hätten Eru erfunden, um sich die Menschen unterwerfen zu können, und Melkor sei in Wahrheit der Herr und Befreier des Alls, das er aus dem Dunkel erschaffen habe, und aus dem er für seine Anhängern noch weitere Welten erschaffen könne. Die Númenorer begannen, Melkor anzubeten und errichteten ihm einen Tempel und opferten ihm dort Menschen, im Irrglauben, so vom Tod erlöst zu werden. Schließlich überredete Sauron den König, das Verbot der Valar zu brechen, nach Aman zu fahren und Valinor einzunehmen, um so unsterblich zu werden. Als Ar-Pharazôn jedoch 3319 Z. Z. nach Valinor kam, vollzog Eru auf Bitten Manwes die Wandlung der Welt und Númenor versank im Meer.[13]
Unter dem Einfluss Saurons ließen Könige in Mittelerde sich selbst und Teile ihrer Familie verbrennen, um den Zeitpunkt ihres Todes selbst zu bestimmen.[14]
Weitere Religionen
- Die Valar werden von den Menschen irrtümlicherweise oft Götter genannt und wohl auch angebetet, obwohl sie nicht in das Schicksal der Menschen eingreifen.[6]
- Möglicherweise wurden in Nan Dungortheb Spinnen oder andere, namenlose Wesen, als Götter angebetet.[15]
- Im Ersten Zeitalter lebten in Rhûn viele Menschen, die sowohl den Valar als auch Melkor die Gefolgschaft verweigerten.[13]
- Im Zweiten Zeitalter wurden die Númenórer von den Menschen Mittelerdes als Götter bezeichnet.[13]
- Die Lossoth, die in den eisigen Ebenen Forochels lebten, fürchteten den Hexenkönig von Angmar, weil sie glaubten, er hätte die Macht, das Wetter zu beherrschen; weiterhin misstrauten sie allem Fremden, größere Schiffe nannten sie „Seeungeheuer“.[16]
- In Rhûn gab es wohl im Vierten Zeitalter ein höheres Maß an kultischer Verehrung als im Westen, da die Ithryn Luin dort, wie auch im Süden, wahrscheinlich geheime Kulte und magische Traditionen geschaffen hatten, die den Sturz Saurons überdauerten.[17]
Sonstiges
Bestimmte Elemente früher Fassungen des Legendariums erinnern an alttestamentarische Überlieferungen, wofür jedoch kein expliziter Zusammenhang hergestellt wird. Das Land Hildórien, wo die Menschen erwachten, wurde von Tolkien an verschiedenen Stellen im äußersten Osten von Mittelerde[18] und in Mesopotamien[19] lokalisiert. Beide Regionen wurden in der mittelalterlichen Auslegung des Buchs Genesis mit dem irdischen Paradies in Verbindung gebracht. Im Leithian-Lied wird die Valacirca als Brennender Dornbusch (Original: Burning Briar) bezeichnet.[20] Der Name erinnert an den im Buch Exodus erwähnten brennenden Dornbusch, aus dessen Mitte Gott zu Moses sprach.
Quellen
- ↑ J. R. R. Tolkien; Humphrey Carpenter (Hrsg.): J. R. R. Tolkien: Briefe. Brief 142: An Robert Murray, 1953.
- ↑ J. R. R. Tolkien, Christopher Tolkien (ed.): Das Silmarillion. Ainulindale: Die Musik der Ainur.
- ↑ Clyde S. Kilby: Tolkien & the Silmarillion, Kapitel Tolkien as Christian Writer
- ↑ J. R. R. Tolkien: Das Silmarillion. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Übersetzt von Wolfgang Krege. Klett-Cotta, Stuttgart 1978. (Im Original erschienen 1977 unter dem Titel The Silmarillion.) „Quenta Silmarillion“, VIII Von der Verdunkelung Valinors.
- ↑ J. R. R. Tolkien: Nachrichten aus Mittelerde. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Übersetzt von Hans J. Schütz. Klett-Cotta, Stuttgart 1983. (Im Original erschienen 1980 unter dem Titel Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth.) Teil 2: Das Zweite Zeitalter. I Eine Beschreibung der Insel Númenor
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 J. R. R. Tolkien: Das Silmarillion. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Valaquenta
- ↑ J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Viertes Buch, Fünftes Kapitel: Das Fenster nach Westen
- ↑ J. R. R. Tolkien: Das Silmarillion. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Quenta Silmarillion, II Von Aule und Yavanna.
- ↑ J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Anhang A: Annnalen der Könige und Herrscher, II. Das Haus von Eorl.
- ↑ J. R. R. Tolkien: Morgoth’s Ring. (The History of Middle-earth, Band X.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. Part Four: Athrabeth Finrod ah Andreth
- ↑ J. R. R. Tolkien: Nachrichten aus Mittelerde. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Übersetzt von Hans J. Schütz. Klett-Cotta, Stuttgart 1983. (Im Original erschienen 1980 unter dem Titel Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth.) Narn i Hîn Húrin. Der Wortstreit zwischen Húrin und Morgoth
- ↑ J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Viertes Buch, Zehntes Kapitel: Die Entscheidungen von Meister Samweis
- ↑ 13,0 13,1 13,2 J. R. R. Tolkien: Das Silmarillion. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Akallabêth.
- ↑ J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Fünftes Buch, Siebtes Kapitel: Denethors Scheiterhaufen.
- ↑ J. R. R. Tolkien: The Lays of Beleriand. (The History of Middle-earth, Band III.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. George Allen & Unwin, London 1985. I The Lay of the Children of Húrin. III. Failivrin
- ↑ J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Anhang A (I), 3. Eriador, Arnor und Isildurs Erben.
- ↑ J. R. R. Tolkien; Humphrey Carpenter (Hrsg.): J. R. R. Tolkien: Briefe. Brief 211: An Rhona Beare, 1958.
- ↑ J. R. R. Tolkien: The Shaping of Middle-earth. (The History of Middle-earth, Band IV.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. HarperCollins, London 1992. Map IV
- ↑ J. R. R. Tolkien: Sauron Defeated. (The History of Middle-earth, Band IX.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. HarperCollins, London 1992. Part Three: "The Drowning of Anadûnê"
- ↑ J. R. R. Tolkien: The Lays of Beleriand. (The History of Middle-earth, Band III.) Herausgegeben von Christopher Tolkien. George Allen & Unwin, London 1985. The Lay of Leithian. Canto IX
