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Sir Orfeo

Aus Ardapedia

Die mittelenglische Versnovelle Sir Orfeo oder Sir Orpheo wurde im frühen vierzehnten Jahrhundert von einem unbekannten Autor verfasst. Das Lai entstand aufgrund einer verlorenen Fassung eines bretonischen Autors. Es erzählt die Geschichte von König Orfeo und seiner Gemahlin Heurodis (später auch als Euridice), auf der auch die Oper Orfeo ed Euridice basiert. Die erste englischsprachige Übersetzung des als Lai Breton eingestuften Werkes wurde vermutlich bereits vor dem Jahr 1300 verfasst, sie ging jedoch verloren. Bekannt ist das Stück aus drei erhaltenen Handschriften.

Handlung

Sir Orfeo ist ein mächtiger König, der einem göttlichen Geschlecht entstammt. Er ist der Herrscher über die Stadt „Traciens“. Er gilt als tugendhafter Ritter und vorzüglicher Harfenspieler. Seine Gemahlin Heurodis überstrahlt mit ihrer Anmut und Schönheit alle irdischen Frauen.

An einem schönen Tag im Mai geht die Königin mit ihren Kammerdienerinnen im Garten spazieren und legt sich zum Ruhen unter einen Baum. Sie schläft ein und erwacht nach einer langen Zeit schreiend und weinend und beginnt, sich das schöne Antlitz mit ihren Fingernägeln zu zerkratzen. Die Dienerinnen holen Hilfe herbei und Sir Orfeo versucht zu ergründen, was vorgefallen ist. Heurodis erzählt ihm schließlich, dass sie einen schrecklichen Traum hatte, in dem sie von einem unbekannten König entführt und in sein Reich verschleppt worden war. Dieser hatte sie im Traum aufgefordert, sich am nächsten Tage erneut an diesem Ort einzufinden, damit er sie real mit zu sich nehmen könne, und wenn sie sich weigere, mit ihm zu gehen, würde sie hart bestraft werden.

Als Orfeo dieses hört, versammelt er am nächsten Morgen eintausend Ritter im Garten und ist bereit, seine Gemahlin mit dem eigenen Leben zu beschützen. Diese verschwindet jedoch vor ihren Augen, ohne dass jemand weiß, wohin sie ging. Daraufhin entschließt sich der König, sein Reich einem Verwalter zu überantworten und selbst ins Exil in der Wildnis zu gehen, um dort um seine geliebte Heurodis zu trauern. Er nimmt nichts mit außer seiner Harfe. Von seinem Spiel sind selbst die wilden Tiere, die Bäume, die Steine entzückt. Dort bleibt er zehn Jahre lang, bis er zufällig seine Königin sieht.

Als er diese verfolgt, wird er zu einem zauberhaften Schloss geführt, in dessen Vorhalle verschiedene Menschen so erhalten sind, wie sie zum Zeitpunkt ihres Todes aussahen (Kopflose, im Kindbett gestorbene, …). Unter ihnen befindet sich auch seine Frau Heurodis, die wie schlafend unter einem Baum liegt. Orfeo bittet darum, vor dem Feenkönig – nach der Art der wandernden Sänger – vorspielen zu dürfen. Dieser ist von seinem Spiel so bezaubert, dass er Orfeo die Erfüllung eines Wunsches zubilligt. Dieser verlangt, Heurodis mitnehmen zu dürfen. Als der Feenkönig ihm dies abschlagen möchte, weist Sir Orfeo auf dessen Versprechen hin. Zum Schluss erprobt er die Treue seines Verwalters, indem er verkleidet auftritt und behauptet, die Harfe – die als die königliche sofort erkannt worden war – gefunden zu haben. Sein Volk bricht im Glauben, ihr König sei gestorben, in Klagen aus. Orfeo gibt sich nun zu erkennen und sein Königreich wird ihm von seinem Verwalter zurücküberantwortet. Orfeo verspricht diesem für seine Treue, dass er als sein Erbe das Reich und die Krone übernehmen soll.[1]

Elemente des antiken Mythos

Die Novelle enthält viele Elemente aus der Antike, die im Mittelalter überarbeitet und an die damalige Gegebenheiten angepasst wurden. Nach den griechischen Mythen waren die Muse Kalliope und der Gott Apollo Eltern von Orpheus. In der Novelle werden Juno und Jupiter als Eltern genannt. In der Novelle sind sie keine Götter, sondern König und Königin.[2] Es ist ein Beispiel dafür, wie das antike Erbe im Mittelalter rezipiert wurde.

Die andere Gemeinsamkeit mit dem antiken Mythos ist die Rolle der Musik. Sowohl im Mythos als auch in der Novelle konnte der Protagonist dank seiner musikalischen Begabung seine Geliebte retten. Die Symbolik der zivilisatorischen Wirkung der Musik bleibt hier erhalten. Im Mythos konnte die Musik den Tod besiegen und in der Novelle konnte Orfeo seine Frau aus der Gefangenschaft des Feenkönigs befreien.[3]

Lokale und mittelalterliche Elemente

Der antike Mythos wurde stark überarbeitet. In der Novelle sind der lokale Volksglaube und die Mythologie zu finden. Das betrifft die Szene der Entführung von Heurodis. Als sie entführt wurde, schlief sie unter dem Ympre-tre. Solche Szenen, wo die Protagonisten sagenhaften Wesen unter den Bäumen treffen, kann man in vielen mittelalterlichen Romanzen und Lais finden.[4] Im mittelalterlichen England galten die Schatten von Bäumen als „die Türe“, durch welche die sagenhaften Wesen in die Welt der Menschen kamen.[5]

Die Art und Weise der Entführung von Heurodis ist Hinweis auf die Eroberung von England durch Normannen, die in der Zeit des Entstehens von Sir Orfeo bzw. kurz danach stattfand. Deswegen sieht Battles in der Szene der Entführung von Heurodis ein Nachbild der Schlacht zwischen den Normannen und Engländern. Der Feenkönig und seine Begleiter reiten auf Pferden, was für Normannen typisch ist.[6] Dagegen wird Orfeo nirgendwo auf einem Pferd dargestellt.[7] Die defensive Position, die Orfeo und seine Leute um die Königin nahmen, entspricht der damaligen Taktik der Engländer.[8]

Ausgaben

Handschriften

  • Sir Orfeo – Auchinleck Manuscript. (1325–1350), National Library of Scotland (auchinleck.nls.uk).
  • British Library Harley MS 3810. (Anfang 15. Jahrhundert, 509 Zeilen, mit Prolog).
  • Bodleian Library MS Ashmole 61. (Ende 15. Jahrhundert, 603 Zeilen).

Abschriften

  • Kenneth Sisam: Sir Orfeo. In: Fourteenth Century Verse and Prose. Oxford Clarendon Press, Oxford 1921, S. 13–31.
  • Alan Joseph Bliss (Hrsg.): Sir Orfeo. (= Oxford English monographs.) Oxford University Press, Oxford 1954.
  • Oscar Zielke: Sir Orfeo. Ein englisches Feenmärchen aus dem Mittelalter, mit Einleitung und Anmerkungen. (= Library of English literature. 10520.) Wilhelm Koebner, Breslau 1880.

Übersetzungen

Literatur

  • Katharine Mary Briggs: King Orfeo. In: An Encyclopedia of Fairies, Hobgoblins, Brownies, Boogies, and Other Supernatural Creatures. ISBN 0-394-73467-X, S. 249.
  • Marie-Therese Brouland: Le Substrat celtique du lai breton anglais. Sir Orfeo. Didier Erudition, Paris 1990, ISBN 2-86460-164-8.
  • Patrick Shuldham-Shaw: The Ballad King Orfeo. In: Scottish Studie. 20. S. 124–126. 1976.
  • B. Mitchell: The Faery World of Sir Orfeo. In: Neophilologus. 48. 1964, S. 156–159.
  • D. Allen: Orpheus and Orfeo: The Dead and the Taken. In: Medium Aevum. 33. 1964, S. 102–111.

Weblinks

  • Anne Laskaya, Eve Salisbury: Sir Orfeo aus: The Middle English Breton Lays. 1995. (d.lib.rochester.edu)
  • J. R. R. Tolkien: Sir Orfeo. A Middle English Version Mit einer Einleitung und Anmerkungen von Carl F. Hostetter (muse.jhu.edu)

Einzelnachweise

  1. Oscar Zielke: Sir Orfeo. Ein englisches Feenmärchen aus dem Mittelalter, mit Einleitung und Anmerkungen. Wilhelm Koebner, Breslau 1880, S. 1–4.
  2. R. Lawson: From Orpheus to Sir Orfeo: The Anglicization of a Myth. geocities.ws (angesehen am 11. September 2015).
  3. S. Lerer: America Artifice and Artistry in Sir Orfeo. In: Speculum 60, Nr. 1, 1985, S. 105.
  4. C. Jirsa: In the Shadow of the Ympe-tre: Arboreal Folklore in Sir Orfeo. In: English Studies. 89, Nr. 2, S. 142.
  5. C. Jirsa: In the Shadow of the Ympe-tre: Arboreal Folklore in Sir Orfeo. In: English Studies. 89, Nr. 2, S. 148.
  6. Dominique Battles: Sir Orfeo and English Identity. In: Studies in Philology. Nr. 2, Spring 2010, S. 185.
  7. Dominique Battles: Sir Orfeo and English Identity. In: Studies in Philology. Number 2, Spring 2010, S. 186
  8. Dominique Battles: Sir Orfeo and English Identity. In: Studies in Philology. Nr. 2, Spring 2010, S. 182–183.


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Veröffentlichungen
Werke Tolkiens
Über Arda Autorisiert von
J. R. R. Tolkien
Der Hobbit (1937) • Der Herr der Ringe
(I. Die Gefährten (1954) • II. Die Zwei Türme (1954) • III. Die Rückkehr des Königs (1955)) •
Die Abenteuer des Tom BombadilThe Road Goes Ever On (1967) • Bilbos Abschiedslied (1974)
Herausgegeben von Christopher Tolkien Das Silmarillion (1977) • Nachrichten aus Mittelerde (1980) • The History of Middle-earth
(I. Das Buch der Verschollenen Geschichten Teil 1 (1983) • II. Das Buch der Verschollenen Geschichten Teil 2 (1984) • III. The Lays of Beleriand (1985) • IV. The Shaping of Middle-earth (1986) • V. The Lost Road and Other Writings (1987) • VI. The Return of the Shadow (1988) • VII. The Treason of Isengard (1989) • VIII. The War of the Ring (1990) • IX. Sauron Defeated (1992) • X. Morgoth’s Ring (1993) • XI. The War of the Jewels (1994) • XII. The Peoples of Middle-earth (1996) • Index (2002)) •
Die Kinder Húrins (2007) • Beren und Lúthien (2017) • Der Fall von Gondolin (2018)
Andere Herausgeber Das große Hobbit-Buch (1988) • The History of The Hobbit (2007) • Natur und Wesen von Mittelerde (2021) • Der Untergang von Númenor (2022)
Nicht-Arda Kurzgeschichten
und anderes
Blatt von Tüftler (1945) • Bauer Giles von Ham (1949) • Der Schmied von Großholzingen (1967) • Briefe vom Weihnachtsmann (1976) •
Herr Glück (1982) • Roverandom (1999) • Baum und Blatt (1964, Zusammenstellung) • Geschichten aus dem gefährlichen Königreich (1997, Zusammenstellung) • Die Bovadium Fragmente (2025)
Fiktionale Werke Die Legende von Sigurd und Gudrún (2009) • König Arthurs Untergang (2013) • Die Geschichte von Kullervo (2015) • The Lay of Aotrou and Itroun (1945; erstmals in einem Buch 2018)
Übersetzungen und akademische Werke Sir Gawain and the Green Knight, Pearl, and Sir Orfeo (1975) • The Old English Exodus (1981) • Finn and Hengest (1982) •
Die Ungeheuer und ihre Kritiker (1983) • Beowulf and the Critics (2002) • Tolkien On Fairy-stories (2010) •
Beowulf: A Translation and Commentary (2014) • A Secret Vice (2016) • Die Schlacht von Maldon und Die Heimkehr von Beorhtnoth (2023)
Briefe & Gedichte J. R. R. Tolkien Briefe (1981) • The Collected Poems of J. R. R. Tolkien (2024)
Andere
akademische Werke
A Middle English Vocabulary (1922) • Sir Gawain and the Green Knight (1925) • The Devil’s Coach-Horses (1925) • Ancrene Wisse and Hali Meiðhad (1929) • The Name Nodens (1932) • Sigelwara Land (1932–34) • Chaucer as a Philologist: The Reeve’s Tale (1934) • Beowulf: The Monsters and the Critics (1936) • On Fairy-Stories (1939) • On Translating Beowulf (1940) • Sir Orfeo (1944) • ‘iþþlen’ in Sawles Warde (1947) • A Fourteenth-Century Romance (1953) • Ancrene Wisse (1962) • Beiträge zur Jerusalemer Bibel (als Übersetzer und Lexikograph, 1962) • English and Welsh (1963)
Werke anderer Autoren
Bücher über Arda Das große Mittelerde-Lexikon (1978) • The Lord of the Rings: A Reader’s Companion (2005) •
The Maps of Middle-earth (2024)
Tolkien-Biographien J. R. R. Tolkien: Eine Biographie (1977) • The Inklings (1978) • Tolkien und der Erste Weltkrieg (2003)
Wissenschaftliche Bücher Der Weg nach Mittelerde (1982) • The Keys of Middle-earth (2005) • The J. R. R. Tolkien Companion and Guide (2005) •
The Ring of Words (2006) • A Companion to J. R. R. Tolkien (2014) • Tolkien’s Lost Chaucer (2019) • Tolkien’s Library (2019) • Tolkien on Chaucer, 1913–1959 (2024)
Wissenschaftliche Zeitschriften Tolkien Studies • (The Chronology)
Andere Werke Tolkiens
Linguistische Zeitschriften Vinyar Tengwar (seit 1988; verschiedene Ausgaben) • Parma Eldalamberon (seit 1971; Ausgabe 11–23)
Sammlungen von Kunst
und Manuskripten
Pictures by J. R. R. Tolkien (1979) • J. R. R. Tolkien: Life and Legend (1992) • J. R. R. Tolkien – Der Künstler (1995) •
Die Kunst des Hobbit (2011) • Die Kunst des Herr der Ringe (2015) • Tolkien: Schöpfer von Mittelerde (2018) •
Tolkien: Treasures (2018) • J. R. R. Tolkien: The Art of the Manuscript (2022)
Für eine vollständigere Liste der Veröffentlichungen Tolkiens, siehe Bibliographie Tolkiens.