Legendarium: Unterschied zwischen den Versionen

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Tolkien verstand seine Geschichten als Sammlung von Mythen und Legenden, die ursprünglich als Mythologie für [[England]] konzipiert war.<ref name="Brief 131"/> Die Welt [[Ea]] ist daher keine Fantasiewelt, sondern unser Universum, die Geschichten des Juwelenkriegs und des Ringkriegs in den [[Westlande]]n [[Mittelerde]]s sind die fiktive Vergangenheit Europas.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]; [[Humphrey Carpenter]] (Hrsg.): ''[[Briefe]]''. [[Brief 144]]: ''An [[Naomi Mitchison]]'', 1954.</ref>
Tolkien verstand seine Geschichten als Sammlung von Mythen und Legenden, die ursprünglich als Mythologie für [[England]] konzipiert war.<ref name="Brief 131"/> Die Welt [[Ea]] ist daher keine Fantasiewelt, sondern unser Universum, die Geschichten des Juwelenkriegs und des Ringkriegs in den [[Westlande]]n [[Mittelerde]]s sind die fiktive Vergangenheit Europas.<ref>[[J. R. R. Tolkien]]; [[Humphrey Carpenter]] (Hrsg.): ''[[Briefe]]''. [[Brief 144]]: ''An [[Naomi Mitchison]]'', 1954.</ref>


Die Geschichten des Legendariums sind auch nicht allegorisch zu verstehen. Ein Beispiel für eine Allegorie wäre etwa die Welt ''Narnia'', die von Tolkiens Freund [[C. S. Lewis]] geschaffen wurde. Während hier z. B. der Löwe Aslan eine Allegorie auf Jesus Christus ist, sind ''Eru'' und ''Ilúvatar'' im Legendarium gebrauchte Name für den Gott der christlichen [[Religion]], an den auch Tolkien glaubte.<ref name="Brief 131"/>
Die Geschichten des Legendariums sind auch nicht allegorisch zu verstehen. Ein Beispiel für eine Allegorie wäre etwa die Welt ''Narnia'', die von Tolkiens Freund [[C. S. Lewis]] geschaffen wurde. Während hier z. B. der Löwe Aslan eine Allegorie auf Jesus Christus ist, sind ''Eru'' und ''Ilúvatar'' im Legendarium gebrauchte Namen für den Gott der christlichen [[Religion]], an den auch Tolkien glaubte.<ref name="Brief 131"/>


==Werkgeschichte==
==Werkgeschichte==

Aktuelle Version vom 5. August 2026, 20:43 Uhr

Ein idealisiertes Gemälde, das J. R. R. Tolkien bei der Konzeption des Legendariums zeigt (Bild: Donato Giancola)

Als Legendarium bezeichnete J. R. R. Tolkien die Gesamtheit seiner Mythologie, deren wichtigste Geschichten zu seinen Lebzeiten in Der Hobbit und Der Herr der Ringe sowie posthum in den Nachrichten aus Mittelerde, Das Silmarillion und Die Kinder Húrins veröffentlicht wurden.

Beschreibung

Das Legendarium umfasst Geschichten aus den ersten vier Zeitaltern, außerdem einen Schöpfungsbericht und Erzählungen von Ereignissen vor dem Beginn der Zeitrechnung. Zum Legendarium zählen damit:[1]

Das Legendarium endet mit einer Vision des Endes der Welt in der letzten Schlacht und ihrer Neuerschaffung in der zweiten Musik der Ainur.

Überlieferung

Tolkien hat andeutungsweise eine komplexe Überlieferungsgeschichte der Geschichten des Legendariums erdacht. Die Quellen seiner Veröffentlichungen seien Bücher aus den Bibliotheken des Auenlandes in Untertürmen, Groß-Smials und im Brandygut.

Die Hauptquelle sei jedoch das Rote Buch der Westmark, das im Wesentlichen das Material für den Hobbit, den Herrn der Ringe und Die Abenteuer des Tom Bombadil liefere. Erhalten sei das Rote Buch nur noch in einer Kopie des Buches des Thains, die im Auenland überdauert habe. Die über sechs Jahrtausende umfassende Chronologie der Westlande sei der Aufzählung der Jahre entnommen.[2]

Für die posthum von Christopher Tolkien veröffentlichten Bücher, Das Silmarillion und Die Kinder Húrins, ist keine Überlieferungsgeschichte erhalten, allerdings wird angenommen, dass sie den Übersetzungen aus dem Elbischen von Bilbo Beutlin entstammen, die ebenfalls im Roten Buch und im Buch des Thains enthalten sind.[3]

Das Legendarium als Mythologie

Tolkien verstand seine Geschichten als Sammlung von Mythen und Legenden, die ursprünglich als Mythologie für England konzipiert war.[1] Die Welt Ea ist daher keine Fantasiewelt, sondern unser Universum, die Geschichten des Juwelenkriegs und des Ringkriegs in den Westlanden Mittelerdes sind die fiktive Vergangenheit Europas.[4]

Die Geschichten des Legendariums sind auch nicht allegorisch zu verstehen. Ein Beispiel für eine Allegorie wäre etwa die Welt Narnia, die von Tolkiens Freund C. S. Lewis geschaffen wurde. Während hier z. B. der Löwe Aslan eine Allegorie auf Jesus Christus ist, sind Eru und Ilúvatar im Legendarium gebrauchte Namen für den Gott der christlichen Religion, an den auch Tolkien glaubte.[1]

Werkgeschichte

Der Beginn der Entstehung des Legendariums – zumindest in schriftlicher Form – ist im Jahr 1914 anzusiedeln, als Tolkien 22 Jahre alt war. Die Entwicklung der Geschichten riss erst 1973 mit dem Tod Tolkiens ab.

Aus dem Jahr 1914 sind Gedichte über Earendel erhalten, die die ersten Grundzüge der Geschichte von Earendil enthalten, sowie eine Umarbeitung der tragischen Geschichte von Kullervo aus dem Kalevala, die als Vorläufer der Geschichte der Kinder Húrins gelten kann.

Sein endgültiges entrée in die Sagenwelt Eas feierte Tolkien mit der Niederschrift von Der Fall von Gondolin, vermutlich früh im Jahr 1917. In den folgenden Jahren brachte er Das Buch der Verschollenen Geschichten in die Nähe der Vollendung, womit die Geschichten der später so genannten Altvorderenzeit in allen wesentlichen Grundzügen vorlagen. Die Verschollenen Geschichten gab er jedoch zu Gunsten des Stabreimgedichtes The Children of Húrin auf. Auch dieses ließ er unvollendet und begann 1925 das Leithian-Lied, das er wiederum 1931 aufgab.[5]

1926 schrieb Tolkien eine „Kurzfassung“ der Verschollenen Geschichten, die er bis 1930 zur Quenta Noldorinwa ausbaute – der längsten vollständigen Fassung und dem Grundstein des Silmarillions. Die Quenta Noldorinwa erweiterte er zur Quenta Silmarillion, bis er 1937 diese Arbeit unterbrach.[5]

In diesem Jahr erschien Der Hobbit, der in den Jahren 1930 – 1932 entstanden war. Unverzüglich, im Herbst 1937, begann Tolkien sein magnum opus, den Herrn der Ringe, als Fortsetzung des Hobbit zu schreiben – und brachte ihn 1949 in eine endgültige Form.[6]

Nachdem Tolkien 1951 ausführliche Prosafassungen der Geschichte von Beren und Lúthien und der Geschichte Von Tuor und dem Fall von Gondolin als Fragmente liegen ließ, begann er die lange Prosafassung der Kinder Húrins und brachte sie beinahe zum Abschluss.[5]

Kanon

Aus der oben dargestellten Werkgeschichte resultiert oft eine enorme Vielfalt an Texten, die zwar dasselbe Thema behandeln, sich aber in Stil, Aufbau oder Form stark unterscheiden, oder gar sich widersprechende Darstellungen eines einzigen Sachverhaltes beinhalten. In vielen Fragen ist keine endgültige Antwort des Autors bekannt.

Leser versuchen, diese verwirrende Vielfalt zu ordnen und in kanonische und nicht-kanonische Schriften einzuteilen, wobei nur Der Herr der Ringe einschließlich der Anhänge unbestritten als kanonisch gilt. Extrempositionen in diesem Meinungsspektrum sind etwa die Ansicht, Der Hobbit gehöre nicht zum Legendarium – oder das Gegenteil, auch unstimmige und mit inneren Widersprüchen behaftete Textgruppen seien völlig „gültig“, solange sie nur von Tolkien selbst verfasst wurden. Die Vielfalt der Ansichten über diesen Kanon ist nicht geringer als die textuelle Vielfalt.

Weitere Brisanz bringt The History of Middle-earth mit sich, in der Christopher Tolkien beispielsweise auf die Punkte hinweist, in denen die veröffentlichten Texte wahrscheinlich nicht den Intentionen des Autors entsprechen. Auch ermöglicht er mit dieser Editionsreihe das kritische Hinterfragen seiner Textausgaben, besonders des Silmarillion. Hier sind vor allem die frühsten Fassungen (Das Buch der Verschollenen Geschichten) und die als Myths transformed veröffentlichten Texte in Morgoth’s Ring von besonderer Bedeutung. Auch die nach Der Herr der Ringe verfassten und in Natur und Wesen von Mittelerde veröffentlichten Manuskripte werfen einen neuen Blick auf die "wahre" Geschichte hinter dem Legendarium (siehe Runde Welt).

Tolkien wollte jedoch keine alternative Geschichtsschreibung, sondern eine Mythologie schaffen. Er verstand die verschiedenen Fassungen des Legendariums daher nicht als richtig oder falsch, sondern als mehr oder weniger wahrscheinliche Mythen von Elben und Menschen.

Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 J. R. R. Tolkien; Humphrey Carpenter (Hrsg.): Briefe. Brief 131: An Milton Waldman, 1951.
  2. J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Prolog. Anmerkungen zu den Aufzeichnungen vom Auenland
  3. J. R. R. Tolkien: Das Buch der Verschollenen Geschichten Teil 1. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Übersetzt von Hans J. Schütz. Klett-Cotta, Stuttgart 1999. (Im Original erschienen 1983 unter dem Titel The Book Of Lost Tales. Part One.). Vorwort
  4. J. R. R. Tolkien; Humphrey Carpenter (Hrsg.): Briefe. Brief 144: An Naomi Mitchison, 1954.
  5. 5,0 5,1 5,2 J. R. R. Tolkien: Die Kinder Húrins. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Anhang Die Entwicklung der großen Geschichten
  6. J. R. R. Tolkien: The History of The Hobbit. Herausgegeben von John D. Rateliff. Introduction (i) Chronology of Composition