Über Märchen: Unterschied zwischen den Versionen

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Der Begriff ''Phantasie'' schließt in Tolkiens Verwendung sowohl die Kunstform der Zweitschöpfung als auch das "Fremde und Wundersame" als Wesenszug des Märchens mit ein.
 
Der Begriff ''Phantasie'' schließt in Tolkiens Verwendung sowohl die Kunstform der Zweitschöpfung als auch das "Fremde und Wundersame" als Wesenszug des Märchens mit ein.
 
Die ''Phantasie'' sei, da sie, so denn möglich, Dinge außerhalb unserer Primärwelt vorstelle, die reinste Form von Kunst; doch je verschiedener die beschriebene Sekundärwelt von unserer primären Welt sei, desto schwerer sei ''die innere Folgerichtigkeit der Realität'' zu bewerkstelligen. Gelinge dies aber, so werde ein ''Sekundärglaube'' erzwungen und wir erlebten "die Kunst des Erzählens, des Geschichtenerfindens in ihrer ursprünglichsten uns mächtigsten Form".
 
Die ''Phantasie'' sei, da sie, so denn möglich, Dinge außerhalb unserer Primärwelt vorstelle, die reinste Form von Kunst; doch je verschiedener die beschriebene Sekundärwelt von unserer primären Welt sei, desto schwerer sei ''die innere Folgerichtigkeit der Realität'' zu bewerkstelligen. Gelinge dies aber, so werde ein ''Sekundärglaube'' erzwungen und wir erlebten "die Kunst des Erzählens, des Geschichtenerfindens in ihrer ursprünglichsten uns mächtigsten Form".
Am besten sei die ''Phantasie'' in der reinen Dichtung aufgehoben, im Theater dagegen gerate das ''Phantastische'' zur Posse. Schuld daran sei nicht nur die "Unzulänglichkeit der Bühneneffekte", sondern auch die Tatsache, dass das Theater allein durch seine Darstellungsweise bereits eine Sekundärwelt schafft. ''Phantastische'' Elemente müssten hier sozusagen einen Terziärglauben wecken. Theater und Erzählkunst seien grundverschieden. Vom Drama her werde man Märchenerzählungen missverstehen, da es nur an menschlichen Charakteren interessiert sei. "Über Bäume als Bäume zum Beispiel lässt sich kaum etwas in einem Stück unterbringen."
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Am besten sei die ''Phantasie'' in der reinen Dichtung aufgehoben, im Theater dagegen gerate das ''Phantastische'' zur Posse. Schuld daran sei nicht nur die "Unzulänglichkeit der Bühneneffekte", sondern auch die Tatsache, dass das Theater allein durch seine Darstellungsweise bereits eine Sekundärwelt schafft. ''Phantastische'' Elemente müssten hier sozusagen einen Tertiärglauben wecken. Theater und Erzählkunst seien grundverschieden. Vom Drama her werde man Märchenerzählungen missverstehen, da es nur an menschlichen Charakteren interessiert sei. "Über Bäume als Bäume zum Beispiel lässt sich kaum etwas in einem Stück unterbringen."
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Version vom 24. August 2012, 21:22 Uhr

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Über Märchen (Englischer Originaltitel On Fairy-Stories; Übersetzung von Krege) ist ein Essay des englischen Autors J. R. R. Tolkien. In deutscher Sprache erschien der Aufsatz gemeinsam mit der Geschichte Blatt von Tüftler unter dem Buchtitel Baum und Blatt.

Buchinformationen

  • Titel: „Baum und Blatt“
  • Art: Taschenbuch
  • Seitenzahl: 105
  • Übersetzer: Wolfgang Krege
  • Umschlagentwurf: Heinz Edelmann
  • Verlag: Ullstein, Frankfurt/Main; Berlin; Wien
  • Erscheinungsdatum: 1982
  • ISBN: 3 548 39039 0

Inhaltsangabe

Tolkien formuliert drei Fragen, die in einem Aufsatz über Märchen zumindest versuchsweise beantwortet werden sollen:

  1. Was ist überhaupt ein Märchen?
  2. Woher kommen die Märchen?
  3. Wozu dienen Märchen?

Die erste Frage behandelt er ausgehend von dem Eintrag fairy-tale in einem Ergänzungsband zum Oxford English Dictionary. Demnach ist fairy-tale zunächst eine Erzählung über fairies, also Feien (es werden im Aufsatz gleichbedeutend auch die Begriffe Feen und Elben verwendet). Tolkien weitet diese enge Definition aus auf alle Geschichten von Faerie, "dem Reich oder Zustand, in dem Feien ihr Dasein haben." Faerie umschreibt er als Magie oder Verzauberung: Elbenkunst, nach der die menschliche Fantasie trachte. Ein wichtiges Merkmal der Märchen, selbst der satirischen, ist für Tolkien, dass ebendiese Magie, die den Raum für solche Erzählungen bildet, ernst genommen und als wahr hingestellt wird. In diesem Sinne grenzt er solche Erzählungen, in denen von Verzauberung nur geträumt wird, nachdrücklich vom echten Märchen ab, ebenso Reiseerzählungen (da sie in dieser unseren "primären Welt" spielten) und Tierfabeln (da Märchen in erster Linie von Abenteuern der Menschen im Feenreich handelten).

Die zweite Frage, diejenige nach dem Ursprung des Märchens, stuft Tolkien als die für seine Zwecke unwichtigste ein, da er die Märchen als das betrachten möchte, was sie selbst sind, und nicht als wissenschaftliche Belege für anthropologische Fragen. Fest stehe, dass Märchen uralt und universell verbreitet seien. Dabei fielen große Ähnlichkeiten vieler märchenhafter Überlieferungen auf. Die alte Streitfrage, ob es sich hierbei um eine jeweils selbständige Erfindung handle, um ein Erbe gemeinsamer Vorfahren, oder um Ausbreitung von einem räumlichen Mittelpunkt aus, erübrige sich: alle drei Elemente hätten gewiss ihren Anteil an der Entstehung der Märchen-Überlieferungen, Erbe und Ausbreitung verschöben allerdings nur das Problem des Ursprungs. Auf allen drei Wegen gelange man letztlich zu einem Erfinder mit schöpferischer Begabung. Daher sucht Tolkien die Ursprünge des Märchens auch nicht weiter in historischen Vorgängen, sondern im menschlichen Geist, denn: "Nach dem Ursprung von Erzählungen (gleichgültig, was für welchen) zu fragen, heißt nach dem Ursprung von Sprache und Denken fragen." Für die Entstehung des Märchens hält Tolkien die Erfindung des Adjektivs für zentral: indem der Mensch die Eigenschaften eines Gegenstandes benenne und somit vom Gegenstand selbst trenne, verfüge er über die Macht, eine Phantasie zu erschaffen, in der er die Eigenschaften der Dinge selbst bestimme. Auf diese Weise werde der Mensch zum Zweitschöpfer. Dieser Aspekt der Mythologie, Zweitschöpfung zu sein und nicht nur allegorische oder symbolische Darstellung der primären Welt, bildet eine Trennlinie zwischen niederer und hoher Mythologie, zwischen Volksmärchen und Mythos. Die früher verbreitete Auffassung, alle Mythologie sei als Allegorie aus der Natur hervorgegangen, die Götter seien entstanden aus Personifikationen von Naturereignissen und nach und nach vermenschlicht worden, hält Tolkien für verkehrt; denn die Natur erhalte ihre Persönlichkeit von Personen, natürliche Gegenstände bekämen ihre persönlichen Eigenschaften vom Menschen verliehen. Somit anerkennt Tolkien keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen hoher und niederer Mythologie, da alle "mythischen Völkerschaften" an demselben Leben teilhätten. Manchmal schimmere in der Mythologie etwas tatsächlich Höheres durch, Mythologie und Religion seien, obschon verschiedene Phänomene, untrennbar verflochten. In diesem Zusammenhang benennt Tolkien die "drei Gesichter des Märchens": wenngleich das magische, der Natur zugewandte, das wesentliche Gesicht des Märchens sei, könnten auch zwei andere, das mystische, zum Übernatürlichen hingewendete, und das Spiegelbild des Menschen darin zum Vorschein kommen. Um die Entstehung von Mythen und Märchen zu veranschaulichen, führt Tolkien den "Suppentopf" als Metapher ein, in dem seit jeher und bis heute historische Figuren und Ereignisse mit menschlichen Erfahrungen und Fantasien zu Geschichten "verkocht" würden. Entscheidend für die Überlieferung einer Geschichte sei die literarische Bedeutung, die ihr die Tradierenden beimäßen, also die "mythische oder totale (nicht analysierbare)" Wirkung der alten Stoffe, die im "Anhauch einer Ferne, eines tiefen Zeitenabgrunds" bestehen könne.

Der dritten Frage, nämlich welchen Werten und Zwecken Märchen heute dienen, misst Tolkien innerhalb seines Aufsatzes die größte Bedeutung bei. Er widerspricht der Annahme, dass Märchen speziell für Kinder geeignet seien und tut diese Beziehung als einen "Zufall unserer häuslichen Geschichte" und "Irrtum aus Sentimentalität" ab. Zunächst hätten Märchen als Literaturform den Wert, den kunstgerecht verfasste Literatur im Allgemeinen besitze. Darüber hinaus gewährten Märchen "auch Phantasie, Wiederherstellung, Trost, Flucht- lauter Dinge also, deren Kinder in der Regel weniger bedürftig sind als Erwachsene."

Der Begriff Phantasie schließt in Tolkiens Verwendung sowohl die Kunstform der Zweitschöpfung als auch das "Fremde und Wundersame" als Wesenszug des Märchens mit ein. Die Phantasie sei, da sie, so denn möglich, Dinge außerhalb unserer Primärwelt vorstelle, die reinste Form von Kunst; doch je verschiedener die beschriebene Sekundärwelt von unserer primären Welt sei, desto schwerer sei die innere Folgerichtigkeit der Realität zu bewerkstelligen. Gelinge dies aber, so werde ein Sekundärglaube erzwungen und wir erlebten "die Kunst des Erzählens, des Geschichtenerfindens in ihrer ursprünglichsten uns mächtigsten Form". Am besten sei die Phantasie in der reinen Dichtung aufgehoben, im Theater dagegen gerate das Phantastische zur Posse. Schuld daran sei nicht nur die "Unzulänglichkeit der Bühneneffekte", sondern auch die Tatsache, dass das Theater allein durch seine Darstellungsweise bereits eine Sekundärwelt schafft. Phantastische Elemente müssten hier sozusagen einen Tertiärglauben wecken. Theater und Erzählkunst seien grundverschieden. Vom Drama her werde man Märchenerzählungen missverstehen, da es nur an menschlichen Charakteren interessiert sei. "Über Bäume als Bäume zum Beispiel lässt sich kaum etwas in einem Stück unterbringen."


Epilog

Entstehungsgeschichte

Den Essay Über Märchen verfasst J. R. R. Tolkien in den Jahren 1938/39, also zu jener Zeit, als auch Der Herr der Ringe Gestalt anzunehmen beginnt. In einer kürzeren Fassung trägt er ihn 1938 in einer Vorlesung an der Universität von St. Andrews vor. Als ein Beitrag zu den Essays presented to Charles Williams erscheint der leicht erweiterte Aufsatz 1947 bei der Oxford University Press. Diesen Text, mit nur kleinen Änderungen, gibt im Jahr 1964 der Verlag George Allen&Unwin, London, unter dem Titel TREE AND LEAF heraus. Die deutsche Erstausgabe erscheint 1982, übersetzt von Wolfgang Krege.

Quellen

  • J. R. R. Tolkien: Baum und Blatt Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch, Frankfurt/Main; Berlin; Wien 1982, ISBN 3-548-39039-0, S. 9–82.